Liebe Wegbegleiter unserer Kinder,
ich musste den Erlkönig in der Schule auswendig lernen.
Damals war es einfach ein Gedicht. Etwas Düsteres, Altes, irgendwie gruselig – aber fern.
Heute, viele Jahre später, lief ich an einem klirrend kalten Winterabend durch die Landschaft, meine kleine Tochter im Kinderwagen. Während ich schob, tauchte ganz leise diese typische Mutterfrage auf: Hat sie es warm genug?
Der Boden war hart gefroren, die Luft klar. Und plötzlich war dieser Satz wieder da:
„Er hält ihn sicher, er hält ihn warm.“
Nicht als Schulstoff. Sondern körperlich. Als Bild.
Ein Vater, der sein Kind fest im Arm hält. Der alles tut, was er kann. Der wärmt, schützt, eilt.
Und trotzdem reicht es nicht.
Zwei Wirklichkeiten – und keine Übersetzung
Im Erlkönig gibt es zwei Wahrheiten, die nebeneinander existieren – und sich nie wirklich berühren. Es ist ein Lehrstück darüber, wie wir es oft versäumen, die kindliche Wahrnehmung zu stärken.
Da ist das Kind. Es sieht, hört, spürt etwas. Etwas Bedrohliches. Etwas, das lockt. Etwas, das näher kommt.
Und da ist der Vater. Er erklärt. Er rationalisiert. Er deutet um: Nebel, Wind, alte Weiden.
Beide meinen es nicht böse. Beide handeln aus ihrer jeweiligen Welt heraus. Und doch sprechen sie nicht dieselbe Sprache. Das Kind bittet nicht um Erklärung. Es bittet um Resonanz – die Grundvoraussetzung, um Vertrauen in die eigene Wahrnehmung zu entwickeln.
Astrologisch gelesen: Gefühl und Funktion
Wenn ich den Erlkönig heute lese, lese ich ihn auch astrologisch – nicht als kühle „Analyse“, sondern als Symbolsprache dafür, was passiert, wenn Gefühl und Funktion nicht zusammenfinden.
Da ist eine tiefe, durchlässige Innenwelt – vergleichbar mit Goethes Fische-Mond im 4. Haus: Bilder, Ängste, Übergänge. Dinge zwischen den Welten. Das, was man nicht anfassen kann – aber trotzdem spürt.
Und da ist eine korrekt funktionierende Außenwelt – wie Goethes Jungfrau-Sonne im 10. Haus: Pflicht, Verantwortung, Ordnung. Dieses: „Wir müssen weiter. Wir müssen es schaffen. Wir haben ein Ziel.“
Dazwischen liegt eine Spannung. Der Erlkönig ist dann kein Monster. Er ist ein Bild dafür, was Kinder wahrnehmen, wenn ihre innere Realität keinen Raum bekommt – und wir ihre Wahrnehmung nicht stärken, sondern übergehen.
„Er hält ihn sicher, er hält ihn warm“
Dieser Satz hat mich an diesem Abend am meisten berührt. Denn er zeigt: Der Vater ist nicht lieblos. Er ist nicht grausam. Er versagt nicht absichtlich. Er tut, was er gelernt hat.
Und vielleicht ist genau das die Tragik – damals wie heute.
Wir halten Kinder sicher. Wir sorgen, strukturieren und erklären.
Aber hören wir ihnen wirklich zu? Das wäre der erste Schritt, wenn sie von Dingen sprechen, die wir nicht sehen können.
Warum das Gedicht heute noch weh tut
Der Erlkönig ist kein Text über die Vergangenheit. Er ist ein Spiegel für eine Gesellschaft, die noch immer dazu neigt, kindliche Wahrnehmung zu relativieren, anstatt sie zu stärken:
- „Das bildest du dir ein.“
- „Das ist doch nicht so schlimm.“
- „Dafür gibt es keinen Grund.“
Manchmal gehen Kinder nicht körperlich daran zugrunde, wie im Gedicht. Aber manchmal ziehen sie sich innerlich zurück, weil ihr Vertrauen in das eigene Spüren nicht gehalten wurde.
Goldimpuls für Eltern: Die kindliche Wahrnehmung stärken
Wie kannst du im Alltag die Wahrnehmung deines Kindes stärken?
Du musst nicht verstehen, was dein Kind sieht – aber du darfst ihm glauben, dass es etwas sieht.
Wenn dein Kind von Ängsten, Bildern oder Gefühlen spricht, die dir fremd sind:
- Bleib.
- Hör zu.
- Benenne nicht sofort.
- Erkläre nicht sofort.
Manchmal ist der sicherste Ort nicht die Lösung – sondern die Beziehung.
👉 „Ich sehe, dass dich das bewegt. Ich bin da.“
Das reicht oft weiter als jede Erklärung und hilft nachhaltig, das Vertrauen des Kindes in sich selbst zu festigen.
Goldimpuls für Fachkräfte: Raum geben
Zwischen kindlicher Innenwelt und erwachsener Realität braucht es Übersetzer:innen.
Kinder sprechen häufig in Bildern, durch Körperreaktionen, Fantasien, Rückzug oder Angst. Unsere Aufgabe ist es nicht, das sofort einzuordnen oder zu korrigieren – sondern einen Raum zu halten, in dem diese Ausdrucksformen sein dürfen.
Fragen wie diese öffnen mehr als jede vorschnelle Deutung:
- Was will sich hier zeigen?
- Was schützt das Kind gerade?
- Was wäre, wenn wir nicht sofort beruhigen, sondern begleiten?
👉 Beziehung vor Erklärung.
👉 Resonanz vor Einordnung.
Ein leiser Ausblick
In meiner Arbeit mit dem Jahreskreis und in der Kinderastrologie-Ausbildung begegne ich diesem Thema immer wieder: Kinder, die etwas spüren, bevor es Worte dafür gibt. Und Erwachsene, die lernen dürfen, zu bleiben.
Der Jahreskreis hilft uns, Übergänge zu verstehen – als natürliche Prozesse.
Die Kinderastrologie öffnet einen Blick auf die innere Landkarte – ein wundervolles Werkzeug, um feiner wahrzunehmen, was das Kind braucht, wenn es still wird oder ängstlich.
Vielleicht beginnt genau dort echte Begleitung: wenn wir nicht alles wissen müssen, aber bereit sind zuzuhören.
Wenn dich dieser Text berührt hat und du spürst, dass du Kinder künftig feiner begleiten möchtest, dann findest du in meinen Angeboten Räume, in denen genau das geübt und vertieft wird.
Nicht als Methode. Sondern als Haltung.
Herzlichst,
deine Sandra Fabri