Liebe Wegbegleiter unserer Kinder,
wir alle tragen sie in uns: die Idealvorstellung von der „Sandkastenfreundschaft“, die ein Leben lang hält. Ein Anker, der über Jahrzehnte Beständigkeit verspricht. Doch wenn wir genau hinsehen, bemerken wir, dass sich die Art, wie Kinder heute Beziehungen knüpfen, verändert hat.
Wir befinden uns in einer Zeit des Wandels. Alles wird schneller, freier, vernetzter, aber oft auch fragiler. Für unsere Kinder bedeutet das: Freundschaft im Wassermann-Zeitalter wird heute oft anders definiert als noch vor einer Generation.
Resonanz statt bloßer Nähe: Das neue Fundament
Früher waren Freunde oft schlicht die Kinder aus der Nachbarschaft oder die Kinder der Freunde unserer Eltern. Die Nähe entstand oft automatisch durch den gemeinsamen Ort.
Heute suchen Kinder immer öfter nach reiner Resonanz. Das ist das Kernmerkmal von Freundschaft im Wassermann-Zeitalter: Sie suchen „Gleichfrequenz-Freunde“.
Es geht nicht mehr primär darum, wer im selben Dorf wohnt, sondern wer die gleiche innere Landkarte teilt. Wer die gleichen Themen liebt, die gleiche Sensibilität besitzt oder den gleichen Humor hat. Solche Freundschaften entstehen oft blitzschnell – können sich aber auch ebenso schnell wieder wandeln, wenn sich die Resonanz verändert.
Die Herausforderungen der neuen Freiheit
Diese neue Freiheit bringt jedoch auch ihre ganz eigenen Herausforderungen mit sich:
- Digitale Welten: Ein großer Teil des sozialen Lebens verlagert sich in digitale Räume. Das kann physische Nähe ersetzen, aber auch schnell einsam machen.
- Der Vergleich: Durch die ständige Sichtbarkeit anderer Gruppen (z.B. über Social Media) fühlen sich Kinder schneller „außen vor“.
- Der Einsamkeitsschmerz: Viele Kinder spüren heute sehr früh, dass sie „anders“ sind. Wenn sie keine Resonanz finden, fühlen sie sich einsam, selbst wenn sie mitten in einer Gruppe stehen.
Freundschaft bedeutet Freiheit, nicht Besitz
Wir dürfen lernen, dass eine Verbindung, die „nur“ ein halbes Jahr intensiv war, nicht weniger wertvoll ist als eine, die zehn Jahre hält.
Echte Freundschaft im Wassermann-Zeitalter bedeutet radikale Offenheit. Sie braucht keinen Anpassungsdruck; sie darf kommen und gehen.
Manche Kinder finden sogar „Seelenfreunde“ – Verbindungen, die eher auf einer geistigen Ebene stattfinden. Sie spielen vielleicht nicht jeden Tag zusammen, aber sie wissen umeinander und fühlen sich tief verbunden, egal wie oft sie sich sehen.
Was wir tun können
Unsere wichtigste Aufgabe als Erwachsene ist es, den Erwartungsdruck rauszunehmen, um den Weg für diese neue Art der Freundschaft im Wassermann-Zeitalter freizumachen.
Es ist okay, wenn Freundschaften wechseln.
Es ist okay, wenn ein Kind lieber mit einem „Gleichgesinnten“ am anderen Ende der Stadt telefoniert, statt mit dem Nachbarskind zu spielen, zu dem es keinen echten Draht hat.
Indem wir wechselnde Freundschaften normalisieren und offen über Gefühle und Grenzen sprechen, helfen wir unseren Kindern, ihre eigene, authentische Beziehungsfähigkeit zu entwickeln.
Goldimpuls für Eltern
Halte kurz inne und frage dich:
Welche alten Vorstellungen trage ich noch in mir (z.B. „Man muss doch einen besten Freund haben“), die der fließenden Freundschaft im Wassermann-Zeitalter entgegenstehen?
Und welche dieser Vorstellungen passen eigentlich gar nicht zum Wesen und zum Tempo meines Kindes?
Reflexionsfrage für dich als Fachkraft
Wie kann ich in meiner Einrichtung eine Atmosphäre schaffen, in der Freundschaften frei entstehen dürfen – ganz ohne Konkurrenz oder den Druck, dass „jeder mit jedem“ spielen muss?
Wie begleite ich Kinder dabei, ihre eigenen Grenzen zu wahren, ohne andere auszuschließen?
Im Jahreskreis widmen wir uns ganz dem Thema Freundschaft im Wassermann-Zeitalter.
1. Teil: Wildheit bei Kindern – Warum wir ihre innere Freiheit brauchen
2. Teil: Kooperation bei Kindern fördern: Wie dein Kind seinen Platz in der Gemeinschaft findet
4. Teil: Der Archetyp Narr als Heiler – Wie Kinder durch Humor und Unangepasstheit wachsen
5. Teil: Wenn mein Kind Angst hat, ausgeschlossen zu werden – Chiron in Gruppen
Ein tiefer Blick auf die Wunde der Nicht-Zugehörigkeit und wie wir Kindern Sicherheit schenken, wenn sie sich am Rand fühlen.
Ich freue mich darauf, mit dir gemeinsam die neuen Wege der Verbindung zu erkunden.
Herzlichst,
deine Sandra Fabri