Wohin dich „lieb-und-nett-sein“ führt

Lieb-und-nett-sein ist bei manchen Menschen weniger ausgeprägt, bei anderen mehr. Bei mir mehr. Deshalb analysiere ich gut und gerne die Charaktere, bevor oder während ich mir einen Film anschaue. Was für einem MBTI-Typ oder welcher Lebenszahl (Numerologie) die Darsteller angehören. Warum? Zum einen, um meine Mitmenschen besser zu verstehen. Zum anderen habe ich manchmal Glück und entdecke eine Person mit der selben Lebenszahl 37/10 oder MBTI-ENFP-Typen wie ich. Dann kann ich mich quasi selbst beobachten. Freue mich, wie ein kleines Kind und bin gespannt, was ich neues erfahre.

So war es auch heute Abend im Kino. Es war für mich extrem schockierend zu sehen, wie Jack (gespielt von Bradley Cooper) sich im Film „A Star ist born“ als ENFP selbst zerstört.

Kurzer Hinweis: wenn du nicht selbst dem MBTI-Typ angehörst, kann du es womöglich nicht so intensiv nachvollziehen. Das ist ganz normal. Es be-trifft dich nicht so sehr. Zumindest geht es mir so, wenn ich Profile von anderen Typen lese. Dann denke ich zwar: „Ah interessant! Damit hat er/sie also zu kämpfen“, aber es berührt und betrifft mich nicht so sehr.

Welchem MBTI-Typ du angehörst, erfährst du hier: https://www.16personalities.com/de/kostenloser-personlichkeitstest

Durch beobachten, sich selbst erkennen

Jedenfalls kenne ich einige Dinge aus meinem Leben als ENFP-Typ wie im Film dargestellt selbst so gut: Großartiges geleistet, für das eigene Tun aber nur geringe Wertschätzung. Ist ja nichts besonders, vor allem weil es mir leicht fällt. Potenziale und Schätze bei anderen entdecken, die Diamanten schleifen und zum Strahlen bringen: „You found a Light in me, that I couldn‘t find“. Und dann nicht für sich selbst einstehen. Später sagen einem auch geliebte Menschen, die dann doch fort gegangen sind, wie viel sie von einem gelernt haben.

Und es reicht eine Aussage von jemanden, auf den man neidisch ist, um sich selbst in Vorwürfen und Selbstzweifeln zu verlieren. Eine Aussage von jemanden den man als „besser“ oder „Autorität“ einstuft. Sich selbst dann nicht gut genug fühlt. Anstatt dem anderen direkt eine zu zentrieren oder wenigstens mal Kontra zu geben, sucht man immer und immer wieder den Fehler bei sich selbst. Und findet ihn: man ist selbst der Fehler. Ist nicht gut genug. Nicht liebenswert. Weiß zu wenig. Ist zu wenig. Es reicht einfach nie. ENFPs sind daher Sucht- und Selbstmordgefährdet. Robin Williams beispielsweise gehörte auch zum Typ ENFP. ENFPs sind die introvertiertesten Extrovertierten. Zwar noch extrovertiert, aber sehr tiefgründig, feinfühlig, sensibel und in sich gekehrt. Ein ENFP zu greifen, wenn er gerade in einem emotionalen Tief ist, ist sehr schwer. Da er nicht über seine wahren Gefühle spricht, aus Angst vor Ablehnung.

Was heißt Angst vor Ablehnung? Ein ENFP hat den tiefen Wunsch sich bei jemanden anlehnen zu können. Zwar wirkt er nach außen immer stark, aber tief in seinem Herzen sucht er einen wahren Freund, einen Weggefährten, einen Verbündeten. Wie im Film Jack seine Ally.

Das alles klingt ganz schön anstrengend? Ist es auch. Deshalb heißt es im Titelsong “Shallow” von A Star is Born auch: “Ain’t it hard keeping it so hardcore?” was soviel bedeutet wie: Ist es nicht hart so hardcore zu sein? Zu sich selbst?
Denn, egal wie viel Liebe wir anderen schenken, wie nett wir sind, die anderen sind um soviel besser. Wir sind nicht nett zu uns selbst und wir schenken uns selbst keine Liebe. Darum dürfen Andere alles mit uns machen, uns alles sagen und heißen. Denkt man zumindest. Was für eine Bullshit-Story!

Dazu kommt noch der Neid

Noch dazu kommt der Neid. Nicht auf andere Menschen und ihr Tun. Die Liebsten werden gefördert, unterstützt, bis hin zur Selbstaufgabe. Ja, für unsere Liebsten würden wir sterben. Man möchte dem anderen und seinem Glück nicht im Weg stehen und räumt freiwillig das Feld. Denn wer weiß, vielleicht hat der „neue Freund“ unserer Liebsten ja recht mit seinen Äußerungen, was unsere Person betrifft. Vielleicht ist es ja die Wahrheit und er oder sie spricht es nur aus?

Der Neid rührt daher, dass die, denen man absolute Loyalität schenkt, sie fordert und fördert, sie unterstützt und ehrlich ist, anderen mehr vertrauen und mehr Glauben schenken, als einem selbst. Das heißt, es kommt irgendjemand daher, ein Blender, und sagt: „Wow hast du ein Potenzial. Wow, bist du toll! Wow, ist das toll was du machst!“ und Zack sind unsere Liebsten, mit allem was wir gefordert und gefördert haben, mit allem Guten und allen Schätzen die wir zu Tage gebracht haben, schockverliebt und unsere Liebsten verlassen uns. „Für neue Erfahrungen“. Mir selbst ist das mehrmals passiert, ich habe es bisher nur nicht erkannt. Bei Mitarbeitern, Mentoren, Verbündeten und Partnern sogar bei Familienangehörigen.

Dass sich unsere Liebsten von anderen blenden lassen, die angeblich „an sie glauben“ und das nicht erkennen, das schmerzt. Es schmerzt, dass sie nicht die Wahrheit erkennen und sich selbst nicht treu bleiben. Sie erkennen nicht, wie verlogen und falsch die Absichten des vermeintlichen Freundes sind. Das ist es, was den Neid und die Selbstzweifel auslöst. Aber wir lassen die Liebsten gehen oder gehen selbst. Wie gesagt, wollen wir ihnen und ihrem Glück nicht im Weg stehen.

Der Selbstwert ist am Tiefpunkt angelangt

Also, was bleibt übrig? Richtig, man überlässt anderen die Bühne und spielt in der zweiten Reihe, weil die anderen ja soviel besser sind und recht haben. Der Selbstwert ist damit am Tiefpunkt angelangt. Man öffnet sich nicht, spricht ungern über sich und seine eigenen Gefühle. Und wenn, dann überdeckt der (schwarze) Humor und die Selbstironie die schmerzhaften Erfahrungen. Denn hey, was könnten die anderen sonst von einem denken? In Wahrheit hat man eine riesige Angst vor Ablehnung. Vor Zurückweisung. Also macht man es wieder mit sich selbst aus. Immer und immer wieder. Und ist lieb und nett. Weiterhin der Charming Boy oder das liebe und nette Mädchen. Anstatt mal auf den Tisch zu hauen, straft man sich selbst und spricht nicht seine Wahrheit.

Der Blick von Außen

Von außen denkt man: „Oh Mann, warum nur sieht er selbst nicht seine Talente? Wertschätzt sich nicht? Erkennt sich an? Macht sich so enorm von einer anderen Person abhängig? Verkauft sich unter Wert? Sieht seine eigene Großartigkeit nicht? Und haut dem Manager nicht endlich ein paar in seine dumme Fresse?!“, so ging es zumindest mir heute im Kino. Ich glaube, würden wir für das was uns wichtig ist und im ersten Schritt vorallem für uns selbst einstehen, kämen wir aus dem “lieb-und-nett-sein”-Muster raus. Ihr seht, wir sind: Far from the shallow now.

Wichtig ist zu erkennen, dass diese Hilflosigkeit, das Gefühl des „Alleine Seins“, die Heimatlosigkeit und Sehnsucht anzukommen, die Suche im Außen nur in unserem Kopf stattfindet. Wenn man es auf Wahrheit prüft, mit anderen darüber spricht, erkennt man, dass vieles nicht wahr ist. Klingt logisch? Augenscheinlich und oberflächlich betrachtet, ist es das. Doch in Wirklichkeit ist es das nicht. Denn wenn es so „klar“ wäre, gäbe es nicht so viele psychosomatische Krankheiten und Selbstmorde. Lieb-und-nett-sein führt dich in den Tod, körperlich oder seelisch.

Der Weg aus dem “lieb-und-nett-sein”-Muster

Richtig gelesen, es ist ein Muster. Es ist gelernt, lieb-und-nett-zu-sein. Daher gibt es auch einen Weg da raus:

  • Selbstzweifel überwinden, durch das Bewusst werden der eigenen Stärken und Talente
  • Selbstvertrauen gewinnen, durch den Ausdruck seiner eigenen Wahrheit, durch Identitäts- und Biografiearbeit
  • Selbstwert erhöhen, durch Wertschätzung der eigenen Arbeit und Individualität. Durch aktive Bewußtmachung, welchen wertvollen Beitrag man selbst leistet
  • Lernen, an sich selbst zu glauben und neue, kraftvolle, stärkende Glaubenssätze und einen liebevollen inneren Dialog entwickeln
  • Lernen, sich selbst der beste Freund zu sein und Innere-Kind-Heilung zu machen. Das heißt auch auf sich aufzupassen und gut für sich zu sorgen
  • Lernen für sich selbst einzustehen, zu kommunizieren und in die Diskussion zu gehen, da wo es wichtig ist
  • Humor. Ein entscheidender Weg da raus ist Freude, Liebe und Humor. Die Dinge nicht so ernst und vorallem nicht persönlich nehmen

Sich selbst besser kennenzulernen ist Arbeit, eine Reise, ein Abenteuer. Es erfordert Mut. Jeden Tag. In jedem Moment. Deshalb gebe ich ja auch Trainings: Wissen vermitteln. Lernen. Wach sein. Bewusstsein schaffen. Und dann üben, üben, üben. Jeden Tag wieder aufs Neue. Das ist auch der Unterschied, warum die einen ankommen, die anderen nicht. Der Schlüssel ist Beharrlichkeit. Dran bleiben. Jeden Tag. Immer und immer wieder. Immer und immer wieder aufstehen. Auch wenn es noch so scheisse ist und noch so weh tut. Auch dann wenn die Selbstzweifel am größten sind.

Dann werden wir wirklich unabhängig. Wir dürfen unsere Großartigkeit anerkennen. Nicht nur bei anderen und im Außen sehen und suchen, sondern vor allem in und bei uns selbst. Wir können das „lieb und nett“ sein lassen und lernen, für uns einzustehen, damit wir bei uns ankommen. Damit uns egal ist, es andere über uns denken und wir voller Mut und Zuversicht unseren eigenen Weg gehen.

Photo by Matt Hardy from Pexels

Hier geht’s zum Film: