Den Wikingern nach

Nur Werbeagentur zu sein, das ist Sandra Fabri zu wenig. Für
sie ist Grafik-Design ein Weg, den Firmenkern zu finden.

08.08.2016 // MARIO BEISSWENGER

Mössingen. Hat die Frau Power! Wenn Sandra Fabri den Weg zum Fünf-Personen-Betrieb beschreibt, wird einem Zuhörer leicht schwindelig. Im Kurzdurchlauf: Ausbildung zur Grafik-Designerin gegen den Wunsch der Familie, schnell wechselnde Jobs, nebenher Grafik-Design-Studium.
Daneben Unternehmensgründung mit erstem Büro in der Mös­singer Berggasse. Dieses Jahr Start Master-Studium zum Führen krea­tiver Teams -wieder nebenberuflich. Seit Juli Umzug in die Sonnhalde und Erweiterung mit inzwi­schen vier festen Mitarbeiterinnen. Und das alles mit 28. “Das war recht zügig”, findet die Talheimerin. Der Grund für ihre steile Karriere nach der Realschule: “Mir ist schnell langweilig. Ich bin schnell unzufrieden.” Das gilt nichtfür ihre Berufswahl. Sie lobt noch heute die Berufsberatung beim Arbeitsamt. “Ich hab’ nur ge­sagt, außer Deutsch und Zeichnen kann ich nix.” Der Vorschlag nach Stuttgart auf die Johannes Gutenberg Schule zu gehen, kam von der Beraterin. Allerdings musste Fabri den Berufswunsch dann durchsetzen, gegen die Familientradition.

In ihrer Familie sind sie Marktbeschicker in der dritten Generati­on. Ein Onkel verkauft immer noch Kittelschürzen, ihr Vater inzwischen Tee- und Gewürze. Die Traditionslinie ist wichtig, um das Auftreten von Fabrl einzuschätzen.

In einem Image-Video bekennt sie sich dazu, der Werbewirtschaft
kräftig In den Arsch treten zu wol­len. Da gibt es ihr zu viel Schicki-Micki. Es gibt ihr zu viele Kaufleu­te und zu wenig Kreative, es gibt ihr zu viel Männer und zu viele schlecht oder gar nicht bezahlte Jobs.

In ihrem Kreativhaus im Sonnhaldeweg 4 ist das anders. Sie hat nur fest Angestellte mit Ausbildung oder Studium. Wenn ein Schul-Praktikant für eine Woche dabei ist, bekommt er oder sie ein Projekt: Ein Logo entwickeln für einen Traumkunden.

Es soll auf dem Drachenschiff (siehe auch die Infobox) nie­mand so gehen wie ihr, als sie in einen Job gelockt wurde, bei dem sie auf nur sechs Euro Stundenlohn kommen sollte. Da hat sie sich dann doch lieber selbständig ge­macht und nach fünf Monaten schon ihr erstes Büro aufge­macht. Als Frau von zu Hause aus ar­beiten in der Branche, das ge­he einfach gar nicht. Sie hat das aus einer Kundenreaktion gelernt: “Ich hab dem angesehen, was er dachte: Aha, Frau. Arbeitet von zu Hause aus. Die muss ich nicht ernst nehmen. Die macht das als Hobby.”

Fabri professionalisierte sich schnell und ist immer noch dankbar für die ersten Aufträge. Das Naturhaus Lanz in Ofterdingen etwa schätzt sie immer noch für das Vertrauen. Nach einiger Zeit mit Arbeiten für Visitenkarten und Logos begann sie dann aber, ihre eigene Arbeit zu hinterfragen. “Wie schaff’ ich es, herauszufin­den, was die Kundschaft aus­macht?” Sie bemerkte, dass sie da manchmal zu tief bohrt. Wer nur ei­ne neue Visitenkarte will, muss sich nicht unbedingt mit dem Markenkern des Unternehmens beschäfti­gen. Ihre Erkenntnis: “Wir bieten für kleine Unternehmen zu viel.” Inzwischen hat sie sich auf Mittelständler verlegt, besonders auf die, bei denen gerade die Nachfolger einsteigen. Da helfe Ihr die eigenen Biografie. “Da kenn ich die Ängste und die Last.” Bei Firmen, die sich grundsätzlich neu orientieren wol­len, da sei Ihre fundierte Arbeit richtig investiert.

Fabri hat keine Lust, unter “Full-Service-Agentur” zu laufen. “Das ist ohnehin immer gelogen.” Sie erklärt der Kundschaft klar, was ihre Firma leistet und wo sie auf ein Netzwerk von freiberuflichen Spezi­alisten zurückgreift. Für sie ist Mar­ken-Entwicklung inzwischen ein Weg, zum Kern einer Firma vorzu­stoßen. Ist der gefunden, dingfest gemacht, grafisch umgesetzt, werde die Kommunikation nach innen und außen einfacher. “Das hilft dann auch, im Alltag Entscheidun­gen zu treffen. Das wirkt sogar auf den Krankenstand und sorgt für mehr Bewerbungen.”

Infobox

Wikinger als Bild für Fernweh, Fürsorge und Wagemut

Wenn ein Identitässtiftender Kern gefunden ist kann sich ein Unternehmen daran orientie­ren. Sandra Fabris Firma Drachenschiff zeigt als Lo­go ein stilisiertes Wikinigerschiff, Kern ist das Fernweh. Darauf baut sie Schrift, Farbe, Bildwelt und Werbemittel auf.

Fabri ist dem Völkchen der Nordleute verfallen seitdem sie sich die Serie “Vikings” reingezogen hat. “Eine Art Game of Thrones”, erklärt sie. Für ihre Abschlussarbeit im De­signstudium klapperte sie vier Tage Winkingermu­seen in Dänemark und Deutschland ab. An ihrem Logo zeigt sich auch, wie flexibel sich so ein Markenzeichen auslegen lässt.

Wikinger versteht sie nicht als seefah­rende Warlords. Fabri versteht sie als Anleitung zum Zusammenhalt. “Wi­kinger waren Familienmenschen.” Selbst die Raubzüge sind für sie mehr Ausdruck fürsorglicher Unterstützung der Zurückgebliebenen. Das gemeinsame Hinauswa­gen in einem kleinen Boot. das unternehmungslustige Aufbrechen, ja selbst das Beute machen empfindet sie als handlungsanleitend.

Quelle: Schwäbisches Tagblatt